Die Mama von

by Simone

Ich bin die Mutti, Mutter oder Mama von. Denn ich bin eine Krankenhaus-Mutti. Es ist, als würde ich als Person langsam verschwinden. Niemand beachtet mich, ich werde nicht wahrgenommen. Außer, meine Kenntnisse als „Mama von“ werden benötigt. Dann habe ich die gesamte Aufmerksamkeit von Ärzten und Fachpersonen. Im Krankenhaus nennt mich niemand beim Namen. Alle sagen nur: „Mutti können Sie mal schauen.“ Es ist, als würde ich mich langsam auflösen. Kinderkliniken sind keine Orte für Eltern. Wir wurden nie mitgedacht, wir sind notwendiges Beiwerk. Medizinisch notwendige Begleitpersonen, ohne Bedürfnisse, Gefühle, oder Privatsphäre. Wenn ich telefoniere, dann muss ich auflegen, sobald jemand das Zimmer betritt. Ich kann nicht duschen und die Türe offen lassen, um zu hören, ob es meinem kranken Kind gut geht, weil jederzeit jemand die Türe öffnen könnte, dich ich niemals absperren kann. Ich kann nicht essen, wann ich will, weil das Tablett abgeholt wird und man mir dann vorwirft, dass ich mich nicht an die Regeln halte. Ich kann nicht mit meinem Kind das Zimmer verlassen, wie ich möchte, denn wir müssen uns an die Vorgaben halten. Wie soll ich „eine gute Mutter von“ sein, wenn meine Werte und meine Gedanken nichts wert sind? Wie soll ich mich selbst spüren und meinem Kind ein gutes Vorbild sein, wenn das System verlangt, dass ich alles, was mich ausmacht, neutralisiere? Dem System zuliebe.

Ich achte genau darauf, was ich sage. Manchmal geht es sogar soweit, dass ich sogar darauf achte, was ich denke. Jede Aussage von mir wird bewertet – egal ob positiv oder negativ. Bestenfalls bin ich ein Roboter, der immer funktioniert, lächelt, aber keine Ansprüche stellt und sich besonders gut, um die pflegerische und erzieherische Versorgung des Kindes kümmert. Ich bin ein Opfer des Systems, das Eltern nicht einplant, aber zwingend benötigt als medizinische Begleitperson. Das System beutet meine Psyche aus, um mir dann vorzuwerfen, dass ich emotional nicht mehr belastbar bin.

Ich bin wochen-, ja monatelang im Krankenhaus, ohne krank zu sein, denn ich bin eine Krankenhaus-Mutter. Ich richte mich nach Regeln und halte mich an Richtlinien, ich kooperiere, schlafe auf Mütterliegen, stehe früh auf und gehe früh ins Bett, egal ob ich das will oder nicht. Ich surfe auf der Stations-Welle des Krankenhauses, bis ich nicht mehr weiß, wer ich wirklich bin. Ich sehe in den Spiegel und sehe nichts! Ich verschwinde zwischen Infusionspumpen, Monitoren und Diagnosen. Niemand fragt nach mir. Niemand nimmt mich in den Arm. Ich muss für mich selbst sorgen. Emotional und mental. Ein Mensch braucht körperliche Nähe, Zuwendung und Ansprache, um mental gesund zu bleiben. In einer Kinderklinik bekommen Eltern nichts davon. Wenn sie weinen, dann sind sie hysterisch, wenn sie lächeln, dann sind sie gefühlskalt. Jeder Schritt, jede Handlung wird bewertet und notiert. Wäre ich zuhause, würde es niemanden interessieren. Wäre ich keine pflegende Mutter, könnte ich mein Kind erziehen, ohne ständig beobachtet zu werden, wie gut oder schlecht ich das mache. Niemand würde von mir erwarten, dass ich nur alle drei Tage duschen gehe, weil das Badezimmer am Ende der Station liegt, oder ich keinen Kaffee mehr trinke, weil ich das Bett meines Kindes nicht verlassen kann, um zur Cafeteria zu gehen. In einer Kinderklinik ist das alles selbstverständlich, denn ich bin nur noch „die Mama von“. Ich löse mich auf und halte mich deshalb an Worten fest.

Ich kann keinen Sport machen, mich ausgewogen ernähren oder arbeiten, denn ich bin seit der Geburt meines kranken Kindes nur noch „die Mama von“. Wir verschwinden, weil man uns nicht wahrnimmt. Man sieht uns nicht als Person mit unseren Bedürfnissen. Das hat im System keinen Platz. Man kann sich nicht auch noch um uns kümmern, das müsse man verstehen. Aber wer versteht mich?

Ich schreibe und reihe ein Wort an das nächste, um nicht vergessen zu werden. Ich will mehr sein als „die Mama von“, ohne dafür ver- oder beurteilt zu werden. Wenn das Kind stundenlang Tablet schaut, dann halten sie mich für eine schlechte Mutter, wenn ich mir keine Zeit für mich nehme, ebenso.

Mein Leben in der Kinderklinik wird bestimmt durch mir fremde Menschen. Das sind oftmals sehr freundliche Menschen, aber eigentlich kenne ich sie nicht. Sie gehen nach ihrer Schicht zu ihren Familien und Freunden. Ich bleibe und treffe den nächsten und den nächsten. Ich möchte ebenfalls nach Hause gehen und weiß nicht wie, denn mein Kind ist dort. Und ich kann nicht im hier sein, wenn mein Kind dort ist. Also verschwinde ich und löse mich auf und halte mich an Worten fest. Ich erzähle meine Geschichte, weil das Leben vor den Kliniktüren wohnt und nicht hereinkommen will, solange das Überleben hier wohnt. Also reihe ich Worte aneinander, um nicht zu vergessen, wer ich einst war und wer ich gerne sein möchte. Denn im Moment bin ich nur „die Mama von“.

11 Kommentare zu “Die Mama von

  1. sehr berührend und traurig …
    Angehörigen von kranken Erwachsenen geht es oft ähnlich …

    ich war Krankenhausseelsorgerin und habe immer wieder “Muttis” wie Dich begleitet …

    Liebe Grüße,
    ganz viel Kraft, Mut, Segen …
    und bleiben Sie behütet,
    Hille

    • Vielen Dank, dass du dieser Arbeit nachgehst und für Menschen in herausfordernden Lebenslagen da bist. Und natürlich auch für die guten Wünsche

  2. Oh wow, was für ein starker Text! Ich fühl es sooo sehr! Selbst wenn es bei uns nur seltene, geplante Aufenthalte für wenige Tage sind… Diese alles umfassende Fremdbestimmtheit macht mich jedes Mal wieder fertig…

  3. Liebe Simone, danke, dass du Worte findest für diese schwere und kräftezehrende Situation! Ich habe das nur eine kurze Zeit erlebt, mein Kind konnte dann nach Hause, aber ganz genau so hat es sich angefühlt! Kaum jemand „draußen“ nimmt davon Notiz, oder kann das überhaupt nachvollziehen, deswegen so wertvoll, dass du davon berichtest.

    Ich wünsche dir sehr viel Kraft, liebevolles Personal in der Klinik, gute Bücher und immer wieder Lichtblicke. Alles Liebe Antje

  4. Danke für diesen berührenden Text! Ich fühlte mich „als Mutti von…“ nach wochenlangem Klinik-Aufenthalt mit einem damals schwer herzkranken Kind genauso….

    • Ich bin froh, wenn wir auf diese Weise etwas Sichtbarkeit bekommen. Ich hoffe immer noch, dass wir es gemeinsam schaffen, Dinge zu verändern. Wir sollten nicht so im Stich gelassen werden. Ich hoffe deinem Kind geht es den Umständen entsprechend gut. Alles Gute!

  5. … und besonders tough und tapfer sind wir für alle Außenstehenden – bewundernswert. Doch dafür kannst du und auch wir anderen pflegenden Mütter uns nichts kaufen. Es kostet Kraft!

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