Erinnert ihr euch an den Text von Mareike, “Empathie als Grundvoraussetzung“? Heute teilt sie wieder ihre Gedanken mit uns:
Montagmorgen, es ist Kindergartenzeit und ich bringe unsere beiden Großen in den Kindergarten. Beim Verlassen treffe ich auf den Vater eines Kindergartenfreunds meines Sohnes. Er fragt, wie es denn bei uns so liefe. Ich erzähle ihm daraufhin, dass wir in Sorge sind, weil unserer Motte in weniger als vier Monaten eine schwere Herz-Op mit Herz-Lungenmaschine und allem Pipapo bevorstehe. Seine Reaktion darauf lässt mich etwas ratlos zurück: Er schildert mir, wie schwer die Anfangszeit mit seinem Sohn war, weil er viel geschrien habe und sie lange hin und her überlegt haben, ob sie nun zu einem Osteopathen gehen sollen oder nicht, denn so eine Entscheidung breche man ja nicht übers Knie. Ich weiß wirklich nicht, wie sie sich am Ende entschieden haben, weil die letzten 5 Minuten des Monologs an mir vorbeigerauscht sind.
Abends erzähle ich meinem Mann, der gerade unser Motto sondiert, da sie 5 Kilo für die notwendige Operation braucht und es irgendwie noch nicht eingesehen hat, davon. Er zuckt mit den Schultern und meint: „Andere Eltern dürfen sich auch Sorgen machen.“ Ja, das dürfen sie, aber ich tue mir so unheimlich leid, weil der Start einfach so unglaublich beschissen war.
Mit 6 Monaten knackt unsere Kleine endlich die 5 Kilo und darf operiert werden. Im Krankenhaus fühlen wir uns gut aufgehoben. Der Chirurg hat einen super Ruf und wir Eltern haben einen Platz im Ronald Mc Donald Haus ergattert. Am Morgen der Operation verabschiede ich mich und übergebe sie der Schwester und das Warten beginnt. Die angegebene Zeit ist schon längst überschritten und ich verfalle in Panik. Ich stelle mir vor, was alles passiert sein kann und warum wir uns nicht intensiver verabschiedet haben. Am Höhepunkt meiner Hysterie kommt der erlösende Anruf: Es ist geschafft! Zumindest die Operation, aber es folgen noch einige Tiefs. Zuerst möchte unsere Kleine nicht aufwachen und wir merken die zunehmende Anspannung beim Personal, dann fallen nachts immer wieder die Herztöne ab, sie will nicht trinken, Herzbeutelerguss- die Liste ist lang. Nach 3 Wochen Intensivstation dürfen wir endlich auf die Normalstation wechseln, weil sie stabil genug ist.
In diese Zeit fällt auch die Hochzeit meiner allerbesten Freundin forever. Von Anfang an war unklar, ob ich es schaffen werde, aber Gott sei Dank war unser Kind zu dieser Zeit stabil und harrte nur noch wegen des Herzbeutelergusses im Krankenhaus aus. Ich konnte mich also unbesorgt in Schale schmeißen, um Vollgas zu geben und alle Sorgen wegzufeiern. Zumindest für einen Abend. Auf der Party treffe ich viele Freunde und Bekannte wieder. Mit den meisten verbinde ich gute Konzerte, lange Geburtstagsfeiern und Trinkspiele, die wilden Zwanziger halt. Wirklich wild. Ein Pärchen aus der Zeit gesellt sich zu uns und erzählt uns vom Bienenstich ihrer zweijährigen Tochter und das bestimmt 20 Minuten lang. Um es vorweg zu nehmen- es war auf dem Handrücken und sie ist nicht allergisch- trotzdem waren es die schlimmsten Stunden und es endete in der Notaufnahme, um es zur Sicherheit nochmal abklären zu lassen. Als es dann um die Auswahl der Songs für die Taufe ging, Silbermond war da hoch im Kurs, musste ich dringend auf die Tanzfläche.
Am nächsten Tag sitze ich mit anderen Müttern beim Sundowner im Ronald Mc Donald Haus. Es gibt was zu feiern: Ein Kind verlässt nach fast einem Jahr das Krankenhaus. Ich erzähle die Geschichte vom Vorabend und meine Fassungslosigkeit darüber, dass ein Elternpaar, das ich früher wirklich sehr geschätzt und mit denen ich so einiges erlebt habe, so abgedriftet ist. Die Mutter des Kindes, das entlassen wird, lacht herzlich und gesteht dann, dass sie bei der Röhrchen-Op ihrer Großen einen ähnlichen Aufriss gemacht hat und die Panik ihres Lebens hatte und jetzt- ein Jahr Berlin-Heart, einen Schlaganfall und eine Herztransplantation später- nicht mehr weiß, was sie da geritten hat. Und an dem Abend entsteht die Theorie, dass alle Eltern den gleichen Prozentsatz an Sorgen haben, den sie aber unterschiedlich einsetzen: Da sind die Eltern, die sich über den Osteopathen-Besuch sorgen. Andere, die ihr Kind wegen eines Bienenstichs in die Notaufnahme bringen. Und dann noch jene, die sich über eine drei in Musik ihres Zweitklässlers bei der Klassenlehrerin beschweren. Allen ist eines gemeinsam: Sie wollen das Beste für ihr Kind.
Und dann bin da noch ich, die lernen muss, dass sie mit ihren Sorgen nicht die ärmste Wurst der Welt ist und die Gelassenheit mit Löffeln gefressen hat oder wie mein Mann es formuliert: „Andere Eltern dürfen sich auch Sorgen machen.“
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Vielen Dank für eure beiden Kommentare. Lernaufgabe und Parallelwelt beschreiben es gut. Und das ist auch eine große Aufgabe: Nicht in einer Parallelwelt völlig aufzugehen, sondern auch seine alte Welt zu behalten.
Das ist so eine Lernaufgabe. In meiner Rückbildung traf ich die Frauen wieder, die bereits den Geburtsvorbereitungskurs mit uns gemacht hatten.
Erst nach mehreren Wochen konnte ich in Ruhe von unserem dramatischen Start in die Welt mit mehrwöchigem Krankenhausaufenthalt und mehrfach schwerer Behinderung erzählen. Mehrere der anderen Frauen erzählten mir später, sie hätten überhaupt nichts von unserer dramatischen Situation mitbekommen, da eine andere Wöchnerin viel aufgeregter von ihrer Entbindungssituation erzählt hatte. Das andere Kind und die Frau waren aber wohlauf nach „normal“ aufregender Geburt.
Man lebt einfach in einer absoluten Parallelwelt, von der die meisten Menschen – selbst nahe Angehörige – viel nicht mitbekommen.
Liebe Mareike,
so wie du hab ich schon oft gedacht. Meine Tochter hat wirkliche dramatische Geburtskomplikationen kaum überlebt, sie brauchte Reanimation, 72 Stunden Kühlung, Bluttranfusionen, hatte Krampfanfälle, konnte anfangs nicht mal selbstständig schlucken und hat eine bleibende Behinderung davongetragen. Ihre ersten Lebensmonate waren die dunkelsten in meinem Leben. Und da erzählt mir die Nachbarin, wie furchtbar und schrecklich es ist, dass sie ihr Baby zufüttern muss. Ich musste erst mal schlucken und dann gehen.
Aber ich sage mir auch immer wieder: Alle haben das Recht sich Sorgen zu machen.
Liebe Grüße
Steffi