Ein bisschen unglücklich

by Simone

Ich sehe in letzter Zeit immer ein bisschen unglücklich auf Bildern aus. Mehr tapfer als kämpferisch. 9 Jahre habe ich gesagt, ich bin nicht unglücklich, es ist nur anstrengend. Also die Pflege und die damit verbundenen Herausforderungen. Jetzt macht mich dieses anstrengend auch ein bisschen sehr unglücklich. Es hat mir meine Kraft und mein Leuchten genommen. Ich bin sorgemüde.

Diese enorme Verantwortung die immer komplett bei uns pflegenden Eltern liegt, macht uns nicht stark, sie drückt uns nieder. Früher oder später. Diese Verantwortung von allem, ist mehr als ich jemals in meinem 40-Stundenjob getragen habe. Sie ist so allumfassende und lebensbestimmend. Ich schlage morgens die Augen auf und bin verantwortlich. Sofort. Ohne Übergang. Ich bin nicht verantwortlich für die Brotdose oder Regenkleidung oder den gepackten Schulranzen. Ich trage nicht ausschließlich elterliche Verantwortung. Ich bin verantwortlich für ein Pflegeunternehmen, dass in meiner Wohnung stattfindet, für so viele Medikamente, Pflegekräfte, Therapeuten, Anträge, Mails, Besorgungen, Grundpflege, Behandlungspflege, MDK, Krankenkasse, Pflegekasse, Sanitätshaus, mindestens 5 Versorger. Mein Zuhause ist kein Ort der Entspannung mehr. Mein Küchentisch die Pflegezentrale.

Manchmal will ich der Verantwortung für nur ein paar Minuten entfliehen. Aber ich darf das Handy nicht ausschalten, denn der nächste Anruf kommt bestimmt. Und es ist nicht nur einer, sondern Dutzende.

Ich beginne meine Worte zu verlieren. Die Verantwortung, sie macht mich sprachlos, denn wo ich hinsehe, sie hat überall eine klitzekleine Aufgabe für mich bereitgelegt. Die Fäden in der Hand halten. Lass nicht locker.

Pflegende Eltern könnten ad hoc mindestens ein kleines Unternehmen leiten. Denn wir tun es täglich. Nur leider halt ehrenamtlich und damit auch unbezahlt. Ich könnte 40 Stunden arbeiten, auch mit Kind, ich bin Akademikerin, ich habe Expertenwissen. Aber stattdessen sitze ich in meiner Küchentischzentrale und überlege, wie ich weniger unglücklich wirken könnte. Erschöpft und unglücklich sein, macht auch nur bedingt Spaß. Ich finde nur keinen Ausweg. Wie so viele von uns.

Alles versucht. Am System gescheitert

 

4 Kommentare zu “Ein bisschen unglücklich

  1. Ich mache das jetzt seit fast 50 Jahren – nächsten Januar wird mein „schwerstmehrfach“ behinderter Sohn 50 und ein paar Tage später, seine ebenfalls behinderte Schwester 45 Jahre alt. Zwischendurch war ich sehr unglücklich. Auch deswegen, weil ich keine berufliche Karriere total vergessen konnte. Wenn ich denn mal gearbeitet habe, dann Handlangerdienste, dabei bin ich eine gute Grafikerin. Inzwischen nicht mehr berufstätig und offiziell Rentnerin. Erschöpft ohne Ende – aber das nennt man wohl bei pflegenden Müttern Normalzustand. Es stellen sich aber auch manchmal Glücksmomente ein. Kurz aufblitzend – spiegelt sich nur leider nicht im Äußeren, da sieht man die Frau, die ausgepowert ist.

    • Ich danke dir so sehr für deine Worte. 50 Jahre – einfach unglaublich. Schön, dass wir hier füreinander da sind. Das hilft mir zumindest. Das Gefühl mit diesen Herausforderungen nicht allein zu sein. Lieben Dank an dich und ganz liebe Grüße

    • Meine absolute Hochachtung für deine 50 Jahre Pflege ! Ich hab erst 30 ( plus früher 5 Jahre Oma- Pflege) geschafft und schon reichlich erschöpft…Du machst mir Mut,dass es trotz Dauererschöpfung auch noch weitergehen kann. Ja,Glücksmomente – die kenn ich auch ! Immer mal wieder,wenn eine Tiefphase vorbei ist und wieder etwas Sonne ins Pflegeleben scheint! Immer ,wenn ein neuer Plan aufgeht.Immer ,wenn eine unerwartete schöne Reaktion von der anderen Seite kommt…usw.Dann atmen wir mal wieder tief durch und sehen für einen Moment wieder etwas glücklich auf den Selfies aus ! Wir sehen wieder: nichts ist umsonst ! Es macht Sinn,was wir tun ! Für den,den wir lieben und auch im grossen Ganzen! Sei gesegnet mit Kraft und Glücksmomenten!❤Liebe Grüsse von Kerstin !

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