Alleinpflegend – oder wo ist denn der Papa?

by Simone

Wenn du ein Kind pflegst, kannst du dich in den wenigsten Fällen darauf vorbereiten, was kommt. Du hast keine Ahnung, ob es vielleicht leichter wird, als du dir gerade vorstellst, oder unvorstellbar krass. Ein Kind zu pflegen ist Elternschaft next level – da weiß man auch nicht, was auf einen zukommt, nur haben pflegende Eltern eben noch so viele Themen obendrauf. Sowas wie finanzielle Sorgen, Jobverlust, Therapietermine, Krankenhausaufenthalte, Menschen die nicht verstehen, wie krass dein Alltag ist und die Pflege. Und ja, vor allem die Pflege, also die vielen Handgriffe, die deine Elternschaft verändern. Die neue Verantwortung, die den Alltag verändert und auf die viele von uns natürlich als Paar nicht eingestellt waren. Weil man sich das eben auch nicht vorstellen konnte, wie das wird, wenn dein Kind in deinen Armen aufhört zu atmen. Man kann sich nicht vorstellen, dass man den Partner mal im Büro anruft und ins Telefon schreit: er stirbt, du musst jetzt ins Krankenhaus kommen. Und man weiß nicht, wie der Partner damit umgeht, dass man ihm sowas am Telefon ins Ohr brüllt, weil eben Ausnahmezustand ist. Und man weiß nicht, was es mit Menschen machen wird, wenn man nicht mehr gemeinsam ausgehen kann oder monatelang getrennt voneinander lebt – der eine im Krankenhaus, der andere zuhause in einem Alltag, der die Familie aufrecht halten soll, indem aber keine Familie mehr physisch anwesend ist.

Nicht alle Menschen wachsen an ihren Herausforderungen. Nicht alle Menschen sind resilient. Nicht alle Menschen halten es aus, wenn deine Familie von einer Krise in die nächste schlittert. Und nein, das konnte man nicht vorher wissen, ob die Person an deiner Seite sowas aushalten würde.

Und dann passiert nicht selten eine Sache, über die wir kaum sprechen: die Mütter pflegen alleine. Und es stellt sich heraus: der andere Partner ist dabei keine Hilfe , sondern zieht sich zurück. Und dann steht die Mutter da alleine mit der ganzen Verantwortung. Mir geht es nun gar nicht darum, ob das mal so richtig beschissen ist, oder nachvollziehbar. Worum es mir geht ist, dass viele Frauen in dieser Situation feststecken und es richtig schlimm ist, wenn man dann ständig gefragt wird: wo ist denn der Papa – hilft der etwa nicht? Oder: dann muss der Papa halt mal mehr machen.

Leute, macht das nicht, denn das ist nämlich sowas von Victim Blaming (Opferumkehr). Du bist als pflegende Mutter schon in einer so richtig miesen Lage, hast kaum finanzielle Ressourcen, und sollst dich dann noch mit dem Vater des Kindes überwerfen, weil der seinen Teil der Verantwortung nicht trägt? Wie soll das gehen in einer absoluten Überlastungssituation? Und dann stehst du da und ringst um eine Antwort. Weil du eigentlich eine Frau bist, die für sich einsteht und das alles überhaupt nicht will, aber du kannst weder vor noch zurück in dieser Ehe. Außerdem hast du keine emotionalen Ressourcen mehr für Auseinandersetzungen, die zu nichts führen. Die keine Hilfe am Ende des Tages bedeuten, sondern emotionale Erschöpfung bedeuten.

Außerdem pflegen diese Mütter meistens Vollzeit und schwupps befinden sie sich in der finanziellen Abhängigkeit vom Partner. Gut ausgebildete Frauen, die das so nie wollten. Ich finde, da sollte man ihnen unbedingt noch zusätzlich ein schlechtes Gewissen einreden, weil sie ihren Mann nicht ordentlich erzogen haben. Wo ist denn die Solidarität in solchen Fällen? Das Verständnis und das Netzwerk?

Wisst ihr, wie schwer es ist, die Entscheidung zu treffen auch noch alleinerziehende pflegende Mutter zu werden? Wisst ihr wie viele Ängste und Sorgen diese Frauen jeden Tag in ihrem Pflegealltag tragen müssen und dann auch noch verlassen werden innerhalb der Beziehung und Außenstehende haben keine bessere Frage auf Lage als: wo ist denn der Papa, hilft der nicht? Ja offensichtlich tut er das nicht!

Natürlich müssen Väter mehr in die Verantwortung genommen werden, wenn sie diese offensichtlich verweigern. Aber denkt ihr wirklich, dass das innerhalb der Partnerschaft geregelt werden kann? Da muss auch ein gesellschaftliches Umdenken stattfinden – bei Vaterschaft generell. Aber es ist nicht die Aufgabe einer pflegenden Mutter den Vater, der seine Verantwortung nicht tragen will, zu erziehen. Diese Mütter brauchen einfach nur eure Solidarität, euer Mitgefühl und euer Netzwerk. Denn ganz ehrlich: das ist so ein richtiges Scheißproblem, wenn man so im Stich gelassen wird und nichts dagegen unternehmen kann.

 

Ein Kommentar zu “Alleinpflegend – oder wo ist denn der Papa?

  1. Danke! Genau so ist das Gefühl. Es reicht für uns auch so nur, um über Wasser zu bleiben.

    Weder Vorwürfe an den Expartner, noch Verständnis helfen weiter. Die Trauer über die gescheiterte Beziehung tragen wir zusätzlich zu der Verantwortung für die Belange unserer Kinder.

    Helft uns gerne praktisch im Alltag. Hört uns gerne zu, wenn wir versuchen, zu verarbeiten. Gebt uns nicht die Last, die systematische Diskriminierung, an der wir sowieso schon schwer tragen, auch noch durch feministischen Kampf für die Einbeziehung der Väter zu ergänzen. Zumal auf deren Seite auch Schmerzen über ein Scheitern, Ängste um die eigene Zukunft und Trauer um das imaginierte Kind vorhanden sind. Da gibt es von keiner Seite einen rationalen, fairen, wechselseitig verantwortlichen Dialog. Und über Anwält:innen und Familiengerichte wurde noch keine freiwillige Verantwortungsübernahme für Erziehung oder Pflege erreicht. Falls dafür überhaupt die emotionalen und finanziellen Ressourcen auf unserer Seite reichen.

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