Vier Tabletten auf der Hand – meine mentale Gesundheit

by Anna

Auf dem Bild sieht man eine Illsutration von Anna. Ihre Haare sind schulterlang, sie trägt eine Brille und roten Lippenstift.

Ich kaue die letzten Reste des bioorganischen Nussriegels, den ich mir noch während des  Beine-aus-dem-Bett-schwingens in den Mund gesteckt hab. 5:50 Uhr ist nicht meine bevorzugte Zeit, um etwas zu essen, das so viel Kauarbeit verlangt. Aber damit das, was ich als Nächstes zu mir nehmen muss oder möchte oder sollte, gut wirkt und sinnvoll wirkt, darf mein Magen nicht leer sein. “Ein paar Bissen reichen, damit die Wirkung nicht total hoch geht und dann verpufft” sagte meine Therapeutin bei dem Trainings-Wochendende. An manchen Tagen funktioniert es gut. n anderen pusht es, noch während ich aus dem Dachgeschoss herunter steige.

Ich kippe die vier Tabletten aus dem vorbereiteten Tabletten-Sortierer in meine Hand.

Die Fliederfarbene

Eine ist fliederfarben, eine sogenannte Retardkapsel. So wie die, die Neo im Film Matrix angeboten bekommt. Meine Freundin Jasmin würde aus dieser Farbe eine Karte gestalten, die dir Mut zuspricht oder einen schönen Gedanken für Kinder bereit hält. Es ist eine schöne Farbe, fröhlich, ein bisschen frühlingshaft.

Die Tablette soll mir helfen, konzentrierter durch den Tag zu gehen und mehr Energie zu haben. Wenn ich sie genommen habe, vollende ich Aufgaben. Dann bleibt das saubere Geschirr nach dem Ausräumen der Spülmaschine nicht auf der Arbeitsplatte stehen, wo ich es zwischen platziert hab. Dann gehe ich in den Keller und erinnere mich daran, dass ich Milch, Nudeln für’s Mittagessen und eine Packung Eis für den Nachmittag hoch holen wollte. Und ich fühle mich auch nach 6-7 Stunden am Schreibtisch oder Hilfeplangespräch oder SPZ-Termin noch fit genug für eine Runde Malen mit meinen Kindern. Oder wie unser großer Sohn Simon es nannte, als wir uns diese Woche über die verschiedenen Medikamente in dem Sortierer unterhalten haben: “Das ist die Tablette, damit du dich wie ein Kraftwerk fühlst?”

Die kleine Weiße

Die nächste Tablette ist rund und typisch weiß, davon nur die Hälfte, da ich die Knickfunktion genutzt habe. Die schleiche ich gerade aus, weil sie ausgeglichen und ruhig machen soll, ich ja aber gleichzeitig eine Tablette nehme, die pushen soll. Das hebt sich dann oft gegenseitig auf. Ausschleichen bedeutet, dass ich jede Woche ein bisschen weniger nehme, so dass mein Körper sich an den Entzug gewöhnt. Es ist ein Entzug, weil das eine Tablette ist, die richtig heftige Nebenwirkungen hat und aus dem Bereich der Psychopharmaka kommt. Die Nebenwirkungen beim Aufbau waren vier Wochen Übelkeit und Kreislaufprobleme. Während der gesamten Zeit war ich sehr oft müde und habe viel tagsüber geschlafen, wenn es der Tag und meine Verpflichtungen zugelassen haben.

“Warum nimmst du sie denn dann überhaupt?” Weil ich im Jahr 2023 im Durchschnitt zwei bis drei Panikattacken hatte und sie zum Jahresende immer heftiger und schlimmer und länger wurden. Panikattacken sind körperliche Symptome und Reaktionen auf psychische Störungen oder Probleme (vereinfacht gesagt), mein Körper denkt also, er muss eigentlich ganz viel Stresshormone aufbauen, um mich für den Kampf zu wappnen, während ich eigentlich nur im Konzert sitze. Noch vor ein paar Jahren gingen diese Panikattacken ein paar Minuten lang. Im Dezember 2023 gingen sie zwischen 30 bis 60 Minuten. Herzrasen, Übelkeit, Zittern inklusive. Danach hatte ich Muskelkater im Gesicht, den Händen und den Armen, weil mein Körper währenddessen verkrampfte. Die Psychiaterin, bei der ich schon vor Jahren meine anderen Medikamente bekommen hatte, lehnte sich zu mir vor, sah mich an und sagte: “Sie müssen nicht damit leben!”

Und verschrieb sie mir – die Tablette gegen das traurig sein. So nennt Simon sie. Für die 5 Jahre, die er damals alt war, als ich sie zum ersten Mal nahm, reichte die Erklärung erstmal völlig aus. 

Die nach Heu schmeckt

Die zwei großen Tabletten sind auch Retardkapseln und einzeln schon doppelt so groß wie die lilafarbene. Sie sind mit etwas gefüllt, das optisch an gemahlene Gewürze erinnert. Der Geruch und damit der Geschmack beim in den Mund legen hingegen sind heu-ig oder stallig. Keine Ahnung. Leider für mich eher eklig. Es sind NEM (Nahrungsergänzungsmittel) und ich nehme sowas zum ersten Mal mit voller Absicht oder Überzeugung oder aus Not. Bisher dachte ich, dass ich das meiste ja auch so hinkriege. Für mich sind manche Narrative auch zu nah an Homöopathie oder sonstiger Esoterik, obwohl ich natürlich weiß, dass viele pflanzliche Mittel durchaus Sinn ergeben und helfen oder unterstützen können.

Ich will das versuchen, weil meine Therapeutin sie selber nimmt und sagt, dass die als nicht-akute und präventive Maßnahme durchaus sinnvoll sind und nicht mit dem anderen Medikament überkreuz gehen. Jetzt muss ich es nur noch schaffen, diese Tabletten runter zu schlucken. Daran scheiterte es bisher ein bisschen. Vor allem große Tabletten, wie auch Antibiotikum sind richtig problematisch. Mal schauen, wie es hier weiter geht.

Ende des letzten Jahres war für mich der Punkt erreicht, dass es auch endlich mal um mich gehen konnte. Seit November kommt unsere Antje als Kinderfrau an vier Nachmittagen ins Haus. Dadurch hatte ich die Möglichkeit, mehr zu arbeiten, was gut für mein Selbstbewusstsein und mein Konto ist. An manchen Tagen konnte ich auch viel ausruhen, weil ich wusste, dass sich jemand richtig gut um meine Kinder kümmert. An manchen Tagen lag ich stundenlang im Bett und kam erst runter, wenn Antje schon kurz vor Feierabend war.

Die Erschöpfung ist ja immer noch da, nur nicht mehr so schlimm. Ich legte mir eine Arbeits- und Mahlzeiten-Routine zu. Ich sorgte dafür, dass ich immer genug trank. Ich nahm frei, wenn ich merkte, dass drei Antirassismus-Veranstaltungen in einer Woche zu viel waren. Alles, was es für die sogenannte Mental Health brauchte. Die Zeit, die ich mit meiner Familie verbrachte, war wieder ausgeglichener, ich schrie weniger, ich hatte Lust schönes Essen zu kochen. Das eine begünstigte das andere. Ich sorgte gut für mich, die Medikamente und die neuen Rahmenbedingungen in unserer Familie halfen mir dabei. Es ist ein täglicher Kampf mit mir selbst. Und wenn Medikamente und schöne Snackteller mir dabei helfen, soll es so sein. Sicher ist: nach 9 Jahren als pflegende Mutter bin ich jetzt mal dran. Auch wenn ich selber dafür sorgen muss und selbst wenn es diese Handvoll Tabletten dafür braucht.